Viel benutzt und abgenutzt – manche Wörter werden so strapaziert, dass sie ihre Bedeutung zu verlieren drohen. Es wird viel gesprochen und publiziert, ob Medien, Bühnen oder Kanzeln. Immer wieder tauchen zwei Wörter auf, die ich gerne beschützen möchte, damit sie nicht ausgehöhlt werden.
Liebe
Sie ist das Schönste, was wir als Familie Mensch haben können. Die Liebe ist wie ein Gewand, das wärmt, schützt und schmückt, mit weiten Ärmeln, um zu umarmen, und mit Taschen, wo man das Gute aufbewahrt, weiterträgt und verschenkt. Die Liebe ist alles und nichts ist ohne sie. Doch zu viele Menschen haben sich dieses Gewand einfach übergezogen, um zu maßregeln, züchtigen und zu bestimmen, um auszugrenzen, zu geizen und zu manipulieren. Aus angeblicher Liebe entstand viel Leid. Lange habe ich überlegt, ob man nicht andere Wörter für die wahre, bedingungslose Liebe finden könnte. Zwecklos, denn Treue, Großzügigkeit, Geduld oder Mitgefühl sind die Fasern, aus denen das Liebes-Gewand gewebt wurde. Ich muss akzeptieren, dass es immer jemanden geben wird, der sich das Gewand einfach überzieht, um gut auszusehen, und es doch ausleiert oder gar zerfetzt, wenn egoistische Ziele verfolgt werden.
Liebe & Zusammenhalt
Solidarität
Das ist ebenfalls ein starkes Wort. Wenn die Liebe ein Gewand wäre, dann ist die Solidarität wie ein paar Schuhe – man ist gemeinsam unterwegs durch Staub und Schmutz. Solidarität ist die Verbundenheit zwischen Menschen und gilt als Grundprinzip im gesellschaftlichen Miteinander. Doch wenn das Wort von der politischen Bühne geplärrt wird, um Einschränkungen von der Gesellschaft einzufordern, dabei die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher werden, möchte ich protestieren. Das ist doch keine Solidarität. Meine Jugendtage waren geprägt von der sozialistischen Arbeiterbewegung in Ostdeutschland. Ständig mussten wir uns solidarisch zeigen, ging marschieren, sammelten Sekundärrohstoffe und machten Subbotnik* – alles im Namen der Solidarität. Ist es nicht seltsam, wenn die Mächtigen um Solidarität werben? Und wenn ich ehrlich bin, gerät meine Solidarität ins Schwanken, wenn es für mich so richtig unbequem wird und erst recht, wenn es Nachteile für mich hat. Menschenskinder, so sollte das nicht sein! Wenn doch alle zusammenhielten, dann müsste doch …
Mirco-Aktivismus
Dabei genügt eine kleine Zahl von Menschen, die zusammenhält. In Sozialstudien wurde gezeigt: Wenn 100 Personen in einer Richtung im Kreis laufen, braucht es nur 5 Menschen, um einen Richtungswechsel zu initiieren. Es braucht die, die irritieren, einfach machen und umkehren. Und wenn ich wachsam bin, dann sehe ich, wie viele Menschen das schon längst tun. Überall gibt es die kleinen Bündnisse, ob Kirchengemeinde, Nachbarschaft und Verein. Das Café, wo Gäste ein Frühstück für jemand anderes spenden können. Der Bäcker, der seine Semmeln frühmorgens an Schulkinder verschenkt. Der Künstler, der seine Werkstatt für Nachbarskinder öffnet. Die Kirche, die Kaffee ausschenkt und Hausaufgabenbetreuung anbietet. Schulkinder, die Müll im Viertel aufsammeln. Das Bücherregal, wo jeder was geben und neben darf. Das ist Micro-Aktivismus und das Kleine ist eben doch nicht zu klein. Solidarität und Liebe sind wirkmächtige Wörter, eingebunden im Kleinen.
* kollektiver Arbeitseinsatz in der Freizeit