Rituale

Reiche Künstler können sich exzentrische Rituale erlauben. So trank Beethoven jeden Morgen einen Kaffee, der mit exakt 60 Bohnen zubereitet wurde. Die Familie von Thomas Mann versammelte sich jeden Abend im Salon und musste den frisch geschriebenen Texten des Hausherrn lauschen. Siegmund Freud bestand darauf, dass seine Gattin ihm jeden Morgen die Zahnpaste auf die Bürste drückte.

In Ritualen verbunden
Wir alle haben eine lieb gewonnene Angewohnheit und umso besser, wenn man sie alleine vollziehen kann und weder Gattin noch Kinder braucht. Der Berufsalltag von meinem Mann beginnt selten vor 8 Uhr, so kann er gemütlich in den Tag starten. Er bereitet sich einen Kaffee zu, schaltet den Fernseher an und den Ton aus und guckt das Alpenpanorama. Er weiß immer, wie das Wetter im Salzburger Land, auf der Zugspitze oder in den Dolomiten ist. Sollte er irgendwann den Ton einschalten (Blasmusik), würde ich das schrullig finden. Zu meiner festen Abendroutine gehört es, im Bett etwas (Papiergedrucktes) zu lesen. Ich lese Gedichte, Wörterbücher oder Lexika – keinen Roman sonst tauche ich für Stunden ab. Aktuell stöbere ich durch ein Lexikon über ausgestorbene Religionen und ihren Ritualen. Ich bin fasziniert, wie die Natur vorgibt, wie sich Frömmigkeit gestaltet. Obwohl Menschen im Polarkreis andere Traditionen pflegten als Menschen im Dschungel oder in der Wüste, verbindet sie alle der Rhythmus aus Tag und Nacht, Geburt und Tod, Überfluss und Mangel. Wir haben eine Sehnsucht, nach Ritualen in unserem Alltag, denn sie schaffen Halt und schenken Verbundenheit.

Verbunden. Getröstet. Heimisch.

Fremde Rituale
Ich wurde zu einem Geschäftsleutetreffen des Business Network International eingeladen. Man hatte mir schon gesagt, dass die Zeit eng getaktet ist, und dass es feste Regeln gibt. Ich fiel sofort als Neuling auf. Alle wussten, wie und wo und wann man sich bewegt, aufsteht, Visitenkarten verteilt, einen Pitch hält und sich verabschiedet. Ich dachte, so müssen sich Gäste in einem Gottesdienst fühlen – aufstehen, Hände heben, hinsetzen, Geld einsammeln, Gebet und Segensspruch. Die Geschäftsleute waren durch feste Gewohnheiten eng mit einander verbunden. Sie haben sich einen Raum geschaffen, wo sie sich auf Augenhöhe begegnen konnten – nicht einfach in einer hart konkurrierenden Arbeitswelt.

Fremd und trotzdem vertraut
Meine Arbeit führte mich nach Schweden und die Reise fiel zufällig auf einen Jahrestag – einen Trauertag. So lange ich beschäftigt war, war alles gut. Doch dann packte mich die Sehnsucht nach einem Moment der Stille und des Innehaltens für den Verstorbenen. Ich lief durch Göteborg und fühlte mich verloren zwischen den bunten Gassen, große Schiffen und weitläufigen Parks. Zuflucht fand ich im Dom und huschte zu einer Kirchenbank. Es fand eine Chorprobe statt, aber offenbar war der Chorleiter unzufrieden, denn er ließ ein Lied wieder und wieder singen. Ich verstand kein Wort, doch je länger ich hörte, umso vertrauter wurde mir dieser Choral, bis ich ihn mitsummen konnte. Es muss eins dieser alten Kirchenlieder gewesen sein, die die Zeit überdauern, weil sie von Hoffnung, Zuversicht und Gottvertrauen sprechen. Später zündete ich eine Kerze in der Gebetsecke an und Maria lächelte von ihrem Heiligenbild zu mir herab. Da flackerte mein Licht für den einen Menschen, der mir fehlte, zwischen all den anderen Lichtern und ich fühlte mich verbunden, getröstet und heimisch trotz der Fremde.