Meine Trauer ist volljährig.

Wenn man 18 Jahren alt wird, darf man vieles selbst bestimmen und entscheiden, sich von den Erwachsenen abgrenzen und in die weite Welt ziehen.

Meine Trauer hat sich schon längst von mir gelöst und geht ihre eigenen Wege. Doch vor 18 Jahren hing sie sich an meinen Hals, kletterte auf meinen Schoss und klammerte sich an mein Herz.
Ich musste mich um sie kümmern, sie tragen und wiegen. Sie war laut, ungeduldig und quengelig. Selbst in meinen Schlaf drängte sie sich und weckte böse Träume.
Mit ihr war es so, als verlöre ich das Zeitgefühl. War ich schon oder erst seit zwei Monaten verwitwet? Passierte das alles in drei Monaten oder bräuchte es dafür nicht ein halbes Leben?
Mit der Zeit wurde die Trauer beweglicher, krabbelte durch Erinnerungen, kletterte über zerbrochene Träume und zog sich an einer neuen Zukunft hoch, die ich so nicht wollte. Nicht ohne diesen einen Menschen!

Die Trauer lernte sprechen, plapperte mehr als ich ertrug, und unterbrach jedes Gespräch. Manchmal platze sie ins Zimmer und rief: „Guck mal, was ich gefunden habe!“
Da stand die Kleine mit einer Erinnerung in der Hand und katapultierte mich in den Schmerz. Dann musste ich die Erinnerung gut verstecken, damit sie nicht Zubruch ging. Doch mit der Zeit lernten wir damit umzugehen und dann stellte ich mal eine Erinnerung ins Regal und wir schauten sie uns an oder wir nahmen sie in die Hand und bestaunen sie.„Weißt du noch …“, fragte sie mich. Sie schaute mich neugierig an und wartete auf eine Antwort.
„Ach ja“, seufzte ich und erzählte. Ich erzählte von dem einen Menschen, wie wir uns kennengelernt hatten, dass wir uns Briefe schickten, spontan an die Ostsee fuhren und in Nachtklubs unterwegs waren, wie wir heirateten und uns in einer Wohnung einrichteten, die eigentlich zu klein war und dann sogar groß genug für ein Baby wurde.
„Das war schön, stimmts?“
„Ja“, sagte ich, „das war alles sehr schön.“
„Du wurdest viel geliebt.“
„Ja, das wurde ich.“
So war das mit der kleinen, lauten Trauer. Mit ihrem neugierigen Blick zeigte sie mir, was wertvoll war.

Trauer verändert sich

Mit den Jahren wurde sie verständiger und machte Gedankenspiele.
„Wie wäre dein Leben verlaufen, wenn … denkst du manchmal über den Tod nach?“
„Ja, ich denke viel über die Endlichkeit nach.“
„Würdest du gerne wissen, wann du stirbst?“
„Himmel! Nein! Niemals. Das könne man nicht aushalten.“
„Aber manche Menschen müssen das aushalten, wenn sie schwer krank sind.“
„Stimmt“, sage ich, „das sind mutige Menschen, trotzdem wissen auch sie nicht den Tag und die Stunde.“
„Ja, aber Gefangene im Todestrakt…“
„Nun ist aber genug.“
Und dann schwieg sie.

Als die Trauer ein Teenager wurde, ließ sie sich nur noch selten blicken. Klar, zu Festen und Jahrestagen war sie da. Neugierig stand sie an der Kaffeetafel und lauschte den Gesprächen. Als mein ältester Sohn seinen Gesellenbrief erhielt, klatschte sie Beifall. Als der Jüngere sein Abitur mit Einsern bestand, juchzte sie vor Stolz. Die Jungs flogen gemeinsam auf einen anderen Kontinent und wir blieben zurück und winkten ihnen nach.
Sie flüsterte: „Hoffentlich kommen sie zurück.“
Ich war empört. „Ja, warum denn nicht.“
Sie zuckte mit den Schultern und meinte, dass junge Männer riskante Dinge taten, Flugzeuge nicht 100 % sicher wären und auf dem anderen Kontinent gäbe es schlimme Krankheiten
„Schluss jetzt“, sagte ich.
Doch sie war hartnäckig: „Was wäre, wenn du deine Kinder loslassen müsstest.“
„Was soll schon sein? Ich lass sie doch los.“
„Nein, ich meine, wenn sie vor dir sterben würden?“
Himmelherrgott! Was waren das für Gedanken?

Nun ist sie erwachsen. Meine Trauer ist 18 Jahre alt. Sie ist still und nachdenklich und sehr bescheiden. Sie möchte mir keine Mühe bereiten. Doch an meinem 50. Geburtstag ist sie kurz da, setzt sich auf die Bierbank zwischen all meinen Freunden und singt mit Charly you´ve got a friend von Carole King.
Musik kann etwas, dass Sprache nicht kann. Da ist ein Ton, eine Melodie und plötzlich werden Erinnerungen so lebendig, als würde der Mensch, den ich loslassen musste, mich in den Arm nehmen. Ich fühle seinen Atem auf meiner Haut, spüre den Herzschlag und sehe die kleinen Falten um seinen Mund, die entstehen, wenn er singt: „Close your eyes and think of me and soon I will be there, to brighten up even your darkest nights.”
Wir singen und die Trauer nimmt mich in den Arm.
„You just call out my name, and you know where ever I am …”

Ja, es tut gut, seinen Namen zu sagen und sich gemeinsam an ihn zu erinnern: Thomas – meine erste große Liebe, Vater meiner Söhne, Freund und Musiker.
Die Trauer wischt mir eine Träne von der Wange und flüstert: „Das hast du gut gemacht. Du hast weitergelebt und geliebt.“
Ich nicke und fühle mich sehr lebendig.

Sie geht und winkt mir noch einmal zu. Ich weiß, wir werden uns wiedersehen. Wenn ich einen Menschen loslassen muss, wird sie da sein – laut, aufdringlich, vereinnahmend. Doch ich weiß auch; sie verändert sich … oder bin ich es, die sich verändert?