Manchmal entpuppt sich die ach-so-wichtige Sache zur Nebensächlichkeit und andersherum: Eine kleine Entscheidung hat große Konsequenzen oder es geschehen Dinge, die niemand hätte beeinflussen können.
Selbst schuld?
Ich habe zwei Söhne, die nicht den Adrenalinkick durch riskanten Freizeitsport suchen – was bin ich froh. Wenn wir in den Bergen unterwegs sind, amüsieren sie sich, weil ich es mit meiner Höhenskepsis kaum ertragen kann, sie so nah am Abhang stehen zu sehen. Es kribbelt mir dann unter den Fußsohlen und im Bauch, aber das tut es auch, wenn ich Freikletterer im Fernsehen sehe oder als Felix Baumgartner aus dem Weltall sprang. Ich musste oft an seine Mutter denken: Wie hielt sie das aus? Vor fast einem Jahr starb Felix bei einem Gleitschirmsprung und als vor ein paar Monaten Extremsportlerin Laura Dahlmeier tödlich verunglückte, war ich aufrichtig traurig. Lauras Weggefährten erzählten, dass sie glücklich und erfüllt gelebt hatte, und das Risiko war selbst gewählt. Die Gefahr gehörte eben dazu – ob dieser Gedanke die Eltern tröstet?
Tränenreich
Ein mir vertrauter Mensch hatte ein erwachsenes Kind, das an einer psychischen Erkrankung litt und für längere Zeit in einer Klinik war. Viele Therapien wurden in Betracht gezogen, um den Lebensmut wieder anzufachen, doch das Kind starb. Ob es ein Unfall oder Suizid war, konnte nicht geklärt werden. Es war weder ein kalkulierter Höhenrausch beim Fallschirmsprung, noch ein Adrenalinkick über den Wolken. Nichts war selbst gewählt! Es war ein sehr schrecklicher Tod.
„Das hätte man doch ahnen können. Es war doch immer schwierig“, sagte jemand zu mir. Echt? Das hätte man ahnen können? Und selbst wenn die Angst ständig mitflattert, hofft man doch als Eltern immer das Beste. Man hoffte und betete, dass dieses Kind es schafft, genest und wieder zurück ins Leben findet … oder wenigstens mit den Grenzen leben könnte und glückliche Momente möglich wären.
Unverschuldet!
Ein mir vertrauerter Mensch trauert, ist verwaist und fühlt sich schuldig. „Hätte ich nicht mehr …? Wäre ich doch öfters …? Könnten wir …?“ Die Schuld drückt und nagt. Sie schiebt sich in die Träume, in die Vergangenheit und Zukunft. Nichts ist mehr, wie es war. Trauer ist schwer, doch Schuld ist schwerer. Wie soll man dieses Gefühl loswerden? Menschenskinder; Bitte keine schnellen Antworten mit Jesus, Himmel und Trost.
Ich wagte eine Frage: Könnten die Schuldgefühle auch ein Ausdruck deiner Liebe sein? Wäre es nicht seltsam, wenn wir uns als Eltern nicht hinterfragen, wenn es unseren Kindern schlecht ginge? Die Liebe hofft, glaubt und sehnt sich danach, dass unsere Liebsten geborgen sind. Vielleicht finden Hilflosigkeit, Endgültigkeit und Trauer einen Ausdruck in Schuldgefühlen. Schuld; die schmerzhafteste Form der Liebe?
Ein mir vertrauerter Mensch leidet und ich bete stumm, dass der himmlische Trost doch reicht, um Schuldgefühle zu lindern – wenigstens für heute und bitte: Morgen wieder neu!