Zeitdruck, Nachrichtenflut, Familientrubel, Kinderkummer, Arbeitsstress, sich kümmern – ständig werden wir aufgefordert, zu reagieren. Das Gefühl der Überforderung ist uns vertraut. Doch wohin damit?
Ich spaziere durch das Heimatdorf meines Mannes im Oberbergischen. Die Gedanken vorneweg, die Gefühle hinterher. Es ist viel los in letzter Zeit: Termine einhalten, Entscheidungen treffen, die fast erwachsenen Kinder unterstützen und zugleich loslassen. Als Freiberuflerin ringe ich um Aufträge. Ich kann Leerlaufzeiten nicht genießen, aus Sorge, ich würde zu wenig verdienen. Doch wenn die Aufträge kommen, sorge ich mich, die Arbeit nicht zu schaffen. Es ist kompliziert. Es fällt mir schwer, mich zu fokussieren. Was ist wichtig, aber nicht dringend? Was ist dringend, aber nicht wichtig? Was ist dringend und wichtig?
Mit diesen Fragen spaziere ich durch das Dorf, vorbei an geduckten Fachwerkhäusern mit tannengrünen Fensterläden, knorrigen Obstbäumen und leerstehenden Geschäften. Alles, was Schrift hat, muss ich lesen: die verblasste Werbung einer Bäckerei, Aufkleber an Mülltonnen, Straßenschilder. Kirchweg, Alte Straße, Enselkamp (Wat is dat denn?). Stiller Winkel. Stiller Winkel wie Goethe Gasse oder Schiller Straße? Wer war Stiller? Stiller, die Romanfigur von Max Frisch oder Ben Stiller, der Schauspieler … der Film Nachts im Museum war witzig … mit Robin Williams als Scherif … niemand ahnte etwas von Williams Krankheit … so traurig, dass er sich das Leben nahm … Depressionen … noch immer ein Tabuthema. So springen meine Gedanken hin und her, kreiseln und torkeln, bringen mich aus dem Gleichgewicht.
Wenn ich mich doch nur in einen stillen Winkel zurückziehen könnte. Ein Ort zum Durchschnaufen und Anlehnen. Ein sicherer Ort. Ein Herrgottswinkel. Alte Bauernhäuser tragen eine Aussparung im Mauerwerk, um Kruzifix, Ikone und Blumen aufzustellen, meistens in der Nähe des Esstisches. Dort, wo man sich mehrmals täglich hinsetzte, erinnerte der Herrgottswinkel an den Allmächtigen, an Güte und Barmherzigkeit. Ich stehe noch immer unter dem Straßenschild. Stiller Winkel. Sicherer Ort. Die Dorfkirche ragt in mein Blickfeld und meine Gedanken marschieren weiter – zum Gotteshaus, zu ha-Makom.
Mit ha-Makom bezeichnet die hebräische Bibel den Ort, an dem wir Gott begegnen. Ständig wurde das Volk Israel vertrieben, immer wieder lebten jüdische Menschen in der Diaspora, ob Ägypten, Frankreich oder Spanien. Sie riefen zu Gott und nannten ihn ha-Makom. Das gab ihnen Zuflucht und tröstete sie, denn Gott ist gegenwärtig – egal an welchem Ort. ER selbst ist der Ort.
Wie komme ich zu ha-Makom?
Wo muss ich hin?
Wie weit ist der Weg?
Es ist nicht weit, wenn ich vertrauen kann. Ist Gott bei mir zu Hause? Ich vertraue, dass mein Zuhause in Gott ist. Ist Gott mit mir in meiner Überforderung? Ich vertraue, dass meine Last bei ihm aufgehoben ist. Ist Gott vor Ort bei meinen Kindern? Ich vertraue, dass sie in Gott sind. Kann ich mir Gott an meinem Arbeitsplatz vorstellen? Ich vertraue, dass meine Arbeit einen Platz in Gott hat.
Menschenskinder, wir brauchen alle einen sicheren Ort, einen heimeligen Platz oder einen Winkel, der uns Geborgenheit und Sicherheit gibt.
Meine Gedanken hetzten nicht mehr. Sie flanieren durch meine Seele und flüstern: „Gott ist mit dir!“ Ha-Makom, wie ein stiller Winkel in meiner Seele.