Es fällt mir schwer, Grenzen als etwas Positives zu verstehen. Die Grenze. Der Grenzschutz. Das Grenzgebiet. Ausgrenzung und Abgrenzung. Und nun soll ich auch noch gesunde Grenzen ziehen?
Friedensgrenze?
Ich bin an der Oder-Neiße-Friedensgrenze aufgewachsen. Dabei sah es nicht nach Frieden, sondern nach Kaltem Krieg aus. Frankfurt (Oder) ist eine Grenzstadt. Vor 1945 fuhr die Straßenbahn über den Fluss. Das konnte ich mir nie vorstellen, denn zu DDR-Zeiten durfte man nicht über die Grenze, weil Polen sich gegenüber dem Westen öffnete und damit den Antifaschisten Schutzwal gefährdete. Als Kind stand ich am Ufer und schaute über das glatte Wasser der Oder. Ab und zu zogen kleine Strudel Kreise in die Oberfläche. Ich fragte meine Mutti: „Und polnische Kinder dürfen in den Westen fahren?“ Sie nickte. „Das ist gemein!“, schmollte ich, denn ich durfte meine Oma in Ludwigshafen nicht besuchen. Nicht mal meine Mutti durfte ihre Mutter besuchen – vielleicht zum 70. Geburtstag? Ja, so war das. Wir haben die Grenze nie als Schutzwall empfunden, sondern als Gefängnis. Wann immer ich in Frankfurt (Oder) bin, radle ich über die Brücke nach Polen und sehe mir die Altstadt von der anderen Seite an und gehe durch Straßen mit quietschbunten Werbeschildern. Selbst auf den polnischen Friedhöfen ist es auffällig bunt, als ginge das Leben nach dem Sterben grenzenlos weiter.
In letzter Zeit ist die Flussüberquerung wieder mühsamer geworden: Grenzkontrollen! Mein Sohn lebt an der deutsch-tschechischen Grenze. Um ihn zu besuchen, verläuft der kürzeste Weg durch Tschechien. Auch dort steht man seit 2025 in Grenzkontrollen und vogtländische Polizisten fragen, warum man denn überhaupt hier sei (die nächste Stadt ist weit weg). Welche Schlepper oder Kriminelle fahren über Bundesstraßen? Man könnte auf Waldwegen die Grenze überqueren.
Schutzgrenze?
Manchmal denke ich: Wer Grenzen errichtet, will keinen Austausch und kein Miteinander! Da geht es nur um die eigenen Interessen. Doch zugleich schüttle ich den Kopf, denn selbstverständlich muss man Grenzen ziehen, um nicht ausgenutzt, bedrängt, oder manipuliert zu werden. Grenzen ziehen und zugleich Schutzräume schaffen. Doch wie geht das?
Der Münchner Flughafen errichtete Sicherheitszonen für Menschen, die Deutschland verlassen sollen, um zurück nach Syrien oder den Irak zu gehen. Wer kann, klagt und viele bekommen recht, denn die erzwungene Ausweisung verstößt gegen Menschenrecht. Von wegen Sicherheitszonen – inzwischen heißen sie offiziell Abschiebeterminals und sehen wie Gefängnisse aus. Ein anderer Begriff wurde formuliert: Return-Hubs (Konzentrationslager?).Als könne ein neuer Name davon ablenken, dass bedenklich an den Menschenrechten gekratzt wird.
Oh Gott! Es bleibt schwierig, Grenze und Schutz in einen Zusammenhang zu setzen.
Blüh doch!
Grüne Grenzen
Wenn ich könnte, würde ich nur grüne Grenzen errichten. Wir könnten Sträucher, Hecken oder Bäume pflanzen und dazwischen ein paar Blumen. Es würde ein Lebensraum entstehen für einzelne und eine Gemeinschaft, ein Ort für Rückzug und Austausch, ein Biotop, wo man lernen und wachsen kann. Ich höre schon die Kritiker, dass eine grüne Grenze Utopie sei, weil es immer Menschen gibt, die Gutmütigkeit ausnutzen oder mit bösen Absichten handeln. Das mag sein, aber so ist nun mal unser christlicher Glaube: Er hofft das Beste!
Als man nach der Wende die Grenzanlagen zwischen Ost- und Westdeutschland abbaute, hatte sich der Todesstreifen zu einem Grünen Band verwandelt mit Artenvielfalt und Biodiversität. Das Leben pulsierte. Menschenkinder, wäre das nicht schön, wenn sogar unsere Grenzen das Leben zum Blühen brächten?